Die große Angst
3m x 9m, Öl und Acryl auf Leinwand, 2016
Galeriehaus Defet, Nürnberg

Sebastian Tröger ist ein Künstler-Künstler: In seinen Arbeiten bespielt er das weite Verweissystem der Kunstgeschichte, und legt zugleich offen, wie seine eigene Position als Künstler in diese kunsthistorischen Erzählungen verstrickt ist. Malerische Gesten, Motive und Titel beziehen sich auf die ehrwürdigen Vorbilder der hohen Kunst, aber ebenso auf den Alltag des Künstlers zwischen ‚emerging artist‘ und bundesdeutschem Mitbürger. Das geschieht oft mit einigem Witz, der wie im klassischen Slapstick nicht nur das Ehrwürdige auf die Schippe nimmt, sondern auch melancholisch bezeugt, dass es weder vor dem Alltag noch der Kunstgeschichte ein Entrinnen gibt.
In seinem neuen Gemälde Die große Angst tritt dieses Melancholische bildgewaltig in den Vordergrund. Die kunsthistorischen Bezüge sind offenkundig: bereits das Format und die monochrome Farbfindung verweisen auf Picassos Guernica; beim Floß, das eher bedrohlich als rettend auf die Bildmitte zutreibt können wir kaum anders als an Géricaults Floß der Medusa denken. Auch Immendorfs Zyklus Café Deutschland ist für Tröger ein wesentlicher Bezug. Hier geht es aber nicht um Bildzitate. Ob Picasso, Géricault oder Immendorf: Die heute historischen Gemälde waren zu ihrer Zeit ein künstlerischer Umgang mit der aktuellen gesellschaftlichen Krise, der Versuch, eben als Maler mit den eigenen Mitteln auf den empfundenen Zusammenbruch der Zivilisation zu reagieren – der Zivilisation, die nicht nur wehrlos gegen von außen auf sie hineinbrechende Katastrophen scheint, sondern sich zur Genüge selbst welche schafft.
Zeitgenössisch zu malen heißt also nicht nur, die heutigen Krisen bildnerisch zu fassen, sondern im Bewusstsein zu malen, dass trotz Picassos Guernica auch heute noch Gewalt als Lösung verstanden und – gerade im heutigen Deutschland – sogar gefordert wird. Die große Angst ist in diesem Sinne eine doppelte Aktualisierung: Sie zeigt nicht nur die aktuellen Angstvorstellungen – Tröger hat sich hier, ganz modern, von den Statistiken zu den ‚Ängsten der Deutschen‘ inspirieren lassen – sondern auch die zwiespältige Sorge und Hoffnung von uns Kulturmenschen, ob oder dass die Kunst (selbst)zerstörerischer Gewalt entgegenwirken kann.

Jacob Birken, 2016